Frag den Rabbi
שאל את הרב

Stilleben mit Tora
Schriftgröße verkleinern Trennstrichnormale Schriftgröße wiederherstellen Trennstrich Schriftgröße vergrößern

Suchen in dieser Webseite

Woran glaubt ein Jude?

Woran glaubt ein Jude?

die Frage wurde im Zusammenhang mit dem Satz „Höre, Israel, JHWH [1] ist unser Gott, JHWH ist einzig“ gestellt.

Dieser Aufruf von Moses (5. Mose Kap. 6) wurde im Laufe der Zeit zum Glaubens-bekenntnis der Juden.
Er beinhaltet das Bekenntnis zum monotheistischen, transzendenten Gott, für den es nichts Vergleichbares im Universum gibt. Der Vollständigkeit halber hier der ganze Absatz:

„Höre, Israel, JHWH ist unser Gott, JHWH ist einzig. Und du sollst JHWH, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allem Vermögen. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen in deinem Herzen sein, und du sollst sie deinen Söhnen einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzest oder auf dem Wege gehst, wenn du dich niederlegst oder aufstehst, und sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sollen dir ein Denkmal vor deinen Augen sein, und sollst sie über deines Hauses Pfosten schreiben und an die Tore.“

Die Frage:

- Wenn diese Maxime den jüdischen Glauben darstellt, worin unterscheidet er sich von anderen monotheistischen Religionen?

Antwort:

- Die Antwort ist tatsächlich etwas problematisch, sie greift in die jüdische Theologie ein und bedarf einer gründlichen Erörterung [2]. Im Talmud finden wir eine bemerkenswerte Stelle, wo es heißt: „Wer den Götzendienst verleugnet, heißt Jude“.
Was bedeutet dieser Spruch? Zunächst muss auf die Feinheit dieser Formulierung hingewiesen werden. Es heiß nicht „er ist Jude“, sondern „heißt Jude“. Das ist so zu verstehen: Zur Zeit des Talmud, in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, war der monotheistische Glaube nicht allzusehr verbreitet. Wer das Heidentum abgelegt und sich dem monotheistischen Glauben zugewandt hatte, wurde aus jüdischer Sicht in seiner Bewertung als Mensch einem Juden gleichgestellt, was nicht bedeutete, dass er damit zwangsläufig zu einem Juden wurde, also in die jüdische Glaubensgemeinschaft aufgenommen wurde [3].
- Der Ausruf „Höre…“, den die Juden seit mindestens zweieinhalb Jahrtausenden als ihre engste und direkteste Verbindung zu ihrem Gott bewahrten und den sie noch in ihren letzten Sekunden vor dem Märtyrertod aus ihren Lippen hauchten, ist ein Bekenntnis, jedoch nicht der Inhalt des Glaubens. Den Inhalt des Glaubens leiteten die Schriftgelehrten von der Fortsetzung des zitierten Bibelverses ab.
- Da heißt es: „Und du sollst JHWH, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allem Vermögen“. Nach dem Bekenntnis zum einzigen Gott wird das erste und wichtigste Gebot verkündet: Du sollst deinen Gott lieben. Es reicht nicht zu bekennen, dass es den einzigen Gott gibt, dass er Gott Israels sei und dass man ihn als den sich zugehörigen Gott angenommen habe - solch ein Lippenbekenntnis kann jeder leisten, es ist unverbindlich und verpflichtet zu nichts -, ein wichtiger Moment ist hinzugekommen. Der Glaube Israels ist kein reiner Bekenntnis-Glaube, er ist mit der Pflicht verbunden, Gott zu lieben. Man könnte sagen, es sei ein Pflicht-Glaube. Wer diese Pflicht nicht akzeptiert, wer sie nicht als einen wesentlichen Teil des Glaubens versteht, der hat mit dem Gott Israels lediglich eine verbale, inhaltsleere Verbindung, der ist, um es pointiert auszudrücken, kein gläubiger Jude.
- Haben die Gelehrten erst das Gebot der Liebe zu Gott aus dem Toratext herausgelesen, stellt sich die weitere Frage: Was bedeutet die Liebe zu Gott, welchen Inhalt hat sie und wie wird sie ausgedrückt, wie kommt sie zur Geltung? Dies ist in diesem theologischen Kontext vielleicht die entscheidende Frage. Die Liebe zu Gott als bloße Maxime, als abstrakte Forderung ist für die jüdischen Gelehrten ein semantisches Spiel, fast wie ein Kreuzworträtsel. Gehen wir davon aus, dass der monotheistisch transzendente Gott weder sinnlich noch kognitiv für Menschen erfassbar ist, dass er sich jenseits der menschlichen Vorstellungskraft befindet, ist die Liebe zu ihm weder vorstellbar noch hat sie eine praktische Relevanz, noch kann sie verwirklicht werden. Liebe ist nur in Bezug zu Gegenständlichem wie einem Menschen, oder zu einem Tier, zu Geld, oder zu etwas nicht Konkreten jedoch Vorstellbaren wie Heimat, Ehre, einem Verstorbenen [4] möglich. Gott ist wie gesagt nicht vorstellbar, wäre er das, wäre er ein Götze und nicht Gott.

Was bedeutet nun das Gebot Gott zu lieben? Welchen Inhalt hat es und worauf bezieht es sich?

- Die Antwort darauf finden wir in der Fortsetzung des Toratextes. Nach dem oben zitierten Satz „Und du sollst JHWH, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen…“, stellt sich die simple Frage – wie? Die Antwort darauf lautet: „Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen in deinem Herzen sein…“. „Diese Worte“ beinhaltet sämtliche Gebote und Gesetze der Tora, die Gott durch Moses vermittelt hat. Diese müssen beherzigt, eingehalten und praktiziert werden [5].
Das ist der Inhalt des Wortes Liebe in der Beziehung zwischen Mensch und Gott. Um es nochmal anschaulich zu erklären: Viele Menschen, auch Juden, die behaupten an Gott zu glauben und ihn zu lieben, und dies auch ehrlich so meinen, jedoch sich der Verpflichtung, Gott durch die Einhaltung seiner Gebote zu dienen nicht bewusst sind, würden der Frage, was der Glaube für sie beinhaltet, eine Antwort schuldig bleiben, wenn sie nicht auf eine kindliche oder heidnische Antwort auswichen.

Der Absatz, der mit dem Wort „Höre“ (hebräisch „Schma“) beginnt und die Beziehung Gott-Glaube-Jude definiert, stellt in dem Gebot der Liebe zu Gott einen kategorischen Imperativ auf. Dieser wird weder begründet noch ist er an eine äußere Bedingung gebunden. Weder droht er den Nichtbefolgern mit Sanktionen, noch verspricht er eine Belohnung für die, welche ihn einhalten. Das Gebot ist sozusagen eine absolute Forderung Gottes.

Der Absatz Schma wurde bereits in alter Zeit in das Gebetbuch aufgenommen. Dieses Gebet wird zweimal täglich, morgens und abends, rund um das Jahr gelesen. Der darauf folgende Absatz im täglichen Gebet stammt ebenfalls aus dem Deuteronomium (5. Mose Kap. 11). Er ähnelt vom Inhalt her dem ersteren, unterscheidet sich jedoch in der Tendenz wesentlich von ihm und könnte sogar als sein Widerspruch verstanden werden. Wegen seiner Wichtigkeit wird er hier vollständig zitiert:

„Werdet ihr nun meine Gebote hören, die ich euch gebiete, dass ihr JHWH, euren Gott, liebet und ihm dienet von ganzem Herzen und von ganzer Seele, so will ich eurem Land Regen geben zu seiner Zeit, Frühregen und Spätregen, dass du einsammelst dein Getreide, deinen Most und dein Öl, und will deinem Vieh Gras geben auf deinem Felde, dass ihr esset und satt werdet.
Hütet euch aber, dass sich euer Herz nicht überreden lasse, dass ihr abweichet und dienet andern Göttern und betet sie an, und dass dann der Zorn des JHWH ergrimme über euch und schließe den Himmel zu, dass kein Regen komme und die Erde ihr Gewächs nicht gebe und ihr bald umkommt von dem guten Lande, das euch JHWH gegeben hat.“

Auch hier, nicht anders als im Abschnitt Schma, besteht das Gebot, Gott zu lieben, ihm zu dienen und seine Gebote einzuhalten. Der wesentliche Unterschied besteht in der Betonung der Elemente Lohn und Strafe. Was bedeutet das?

- Die Einhaltung der Gebote soll mit Regen, fruchtbarem Land, reicher Ernte und sattem Vieh belohnt werden. Die Abkehr von Gott und seinen Geboten wird mit den schlimmsten Strafen, bis zur Vertreibung aus der Heimat, bedroht.
- Einfache Gemüter könnten den Abschnitt „Werdet“ (hebräisch „Wehaja“) so verstehen, dass der Dienst an Gott dem Dienst an einen irdischen Herrn, einem König etwa, gleiche. Hat der Jude die Gebote ordentlich eingehalten, kann er seine Belohnung durch Gott nicht nur erwarten, sondern geradezu einfordern. Tatsächlich kommen solche Beispiele in der hebräischen Bibel und in der talmudischen Literatur, ferner auch im täglichen Leben vor.
- Die Schriftgelehrten konnten diese Einstellung nicht akzeptieren. Eine Einstellung, die sich lediglich an dem Absatz Wehaja orientiert, wäre nichts anderes als Götzendienst. Da sie mit der menschlichen Natur vertraut waren, sie nicht zu verändern versuchten, sondern ihren Möglichkeiten gerecht werden wollten, haben sie für den Absatz Wehaja eine plausible Erklärung gefunden [6].
Der erste Abschnitt Schma ist der richtige Weg zur Wahrheit und zur Erkenntnis des Glaubens. Der ist jedoch nicht für alle Menschen gangbar, eher für die wenigsten. Für die meisten Menschen muss ein einfacher Weg gefunden werden.
Maimonides, der bedeutendste Theologe im Judentum hat dies so erklärt:

„Da jedoch unsere Weisen erkannten, dass ... man gewöhnt ist, als Mensch etwas nur mit Rücksicht auf Nutzen oder Schaden zu tun oder zu unterlassen, und man nicht weiß, wie man … mit der Zumutung herantrete: Tu dieses, scheue jenes – und zwar ohne Hoffnung auf Lohn oder Furcht vor Strafe -, so haben unsere Alten dem Volke, damit es beim Glauben verharre und das Gute übe, gestattet, dass es sich Vorstellungen von irdischem Lohn für Erfüllung und von äußeren Strafen für Verletzung der Gebote bilde; damit ermuntern sie die Menge und erziehen sie, bis der Aufgeklärte das Richtige begreift.“

- Die Idee von Lohn und Strafe ist also eine erzieherische Maßnahme. Jedoch nicht nur das. Die Talmudgelehrten haben auch den Satz geprägt, dass man nicht immer etwas um seiner selbst willen tun muss. Manchmal führt eine Handlung, die zunächst aus eigennützigen Beweggründen vorgenommen wurde zu einem selbstlosen Zweck. Im Talmud heißt es:
„R. Jehuda sagte ja im Namen des Rabb, dass man sich stets mit der Tora und den Geboten (= guten Werken) befasse, auch nicht um ihrer selbst willen, denn dadurch kommt man dazu, es um ihrer selbst willen zu tun.“
Maimonides meint hierzu: Der vollkommene Mensch tut etwas, um gute Taten zu verwirklichen, ohne an den zu erwartenden Lohn zu denken. Der gewöhnliche Mensch, wenn er bei solchen von ihm vollbrachten Taten an den Lohn denkt, könnte dadurch zur Erkenntnis gelangen, die guten Taten auch selbstlos zu vollbringen.
- Um diese Einstellung noch zu verdeutlichen: Nehmen wir als Beispiel einen sich an die Tradition haltenden Juden, der in einem von frommen Menschen bewohnten Viertel in Jerusalem wohnt. Um nicht unangenehm aufzufallen, gewöhnt er sich den Habitus der Frommen an, verhält sich also wie ein frommer Mensch. Er wird dafür mit dem Wohlwollen seiner Nachbarschaft belohnt und freundlich von ihr aufgenommen. Er entwickelt ein Interesse an den Menschen und vertieft sich in deren Denken und Glauben und entdeckt schließlich, dass diese Frömmigkeit ihn der Erkenntnis Gottes näherbringt, und er wird fromm. So ungefähr kann man den Satz der Weisen verstehen, dass jemand die Gebote zunächst nicht um ihrer selbst willen einhält aber es dann mit der Zeit aus Überzeugung tut. Man könnte auch ein anderes Beispiel nehmen: Jemand wird Arzt, weil er dadurch zu Geld kommen will. Mit der Zeit entwickelt er die Leidenschaft, Menschen-leben zu retten, wobei das Erlangen von Reichtum unwichtig wird.
- Die Tora ermöglicht in den beiden Abschnitten Schma und Wehaja zwei Wege zum Dienst an Gott und zur Verwirklichung des Glaubens, sie widersprechen sich nicht, sie ergänzen sich.
- Sollte der Eindruck entstanden sein, Lohn und Strafe gebe es in der jüdischen Religion nicht, würde dieser in der Tora und den Aussagen der Propheten keine Bestätigung finden. Es gibt die göttliche Vorsehung und die göttliche Wirkung in die Welt hinein, jedoch die Wege Gottes wie auch seine Existenz entziehen sich der menschlichen Kenntnis.

Nachbemerkung:

Es dürfte dem Leser klar sein, dass solch ein existenzielles Problem hier nicht in allen Aspekten behandelt werden konnte. Jedoch denke ich, dass durch diese Skizzierung Anregungen geschaffen wurden.

  • [1]Zur Klarstellung: für diese Abhandlung ziehe ich die hebräische Schreibweise (phonetisch umgeschrieben) des Namens Gottes vor und nicht die Bezeichnung „HERR“ oder der „Ewige“, die für mein Verständnis zu allgemein sind. Gläubige Juden sprechen den Namen Gottes nicht aus. Es ist fraglich, ob die gewohnte Aussprache des Namens richtig ist, da die hebräische Schrift in früher Zeit allein aus Konsonanten bestand.
  • [2] Soweit in diesem engen Rahmen möglich.
  • [3] Der einfache Übergang vom Heidentum zum monotheistischen Glauben wurde durch das Christentum praktiziert.
  • [4] Oder auch zu einem quasi göttlichen Wesen mit Biographie und Familie.
  • [5] Hier muss ich einer verständlichen Frage zuvorkommen, nämlich dem berechtigten Zweifel, alle Gesetz der schriftlichen Tora, der schriftlichen Überlieferung, könnten befolgt werden. Die Antwort darauf lautet: der schriftlichen Tora folgte die mündliche, die in der schriftlichen begründete Überlieferung, die die meisten Fragen klärte.
  • [6] Hier muss nebenbei ein wichtiger Grundsatz bei der Auslegung der Heiligen Schrift vorgestellt werden: „Die Tora spricht in der Sprache der Menschen“. Da der Mensch Gott und die tieferen Ideen des Glaubens nicht begreifen kann, musste sich die Tora der menschlichen Denkweise und Begriffe bedienen. So auch z.B. das Wort vom Zorn Gottes in Absatz Wehaja, der Gott eine emotionale Regung zuschreibt, die lediglich die menschliche Phantasie ansprechen soll.